Nordsee-Gipfel 2026: Wasserstoff als Baustein einer integrierten Offshore-Energiestrategie?
Beim dritten Nordsee-Gipfel, der Ende Januar 2026 Vertreter der Nordsee-Staaten sowie der Offshore-Windindustrie und der Übertragungsnetzbetreiber auf Einladung von Bundeskanzler Friedrich Merz in Hamburg zusammenbrachte, bekräftigten die Teilnehmer ihre Vision, den Nordseeraum in den weltweit größten Hub für saubere Energie zu transformieren. Im Rahmen des Ausbaus der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit bei der Energieversorgung betonten sie dabei in gleich mehreren Publikationen des Treffens insbesondere auch die Wichtigkeit des Themas „Wasserstoff“ als Baustein einer integrierten Offshore-Energiestrategie in Europa.Â
Die Hamburger Erklärung und weitere Beschlüsse
Die zentralen Ergebnisse des Gipfels wurden in einer gemeinsamen "Hamburger Erklärung" (The Hamburg Declaration) der Staats- und Regierungschefs und einer Energieministererklärung zusammengetragen. Darüber hinaus wurden am Rande des Gipfels weitere Erklärungen und Abkommen zwischen Nordsee-Staaten und Akteuren der Wind- und Energieindustrie unterzeichnet.
- Im Vordergrund steht der Ausbau der Offshore-Windenergie mit einem erklärten Ziel einer Erzeugungsleistung von 300 GW bis 2050. Hiervon sollen bis zu 100 GW durch grenzüberschreitende Projekte entwickelt werden.
- Durch eine verstärkte Zusammenarbeit unter den Nordsee-Anrainerstaaten, insbesondere der Nordsee-Energiekooperation (North Seas Energy Cooperation, NSEC), und Maßnahmen, die die Planungssicherheit stärken und Investitionen in die Branche fördern, soll in der Nordseeregion das größte Kraftwerk für saubere Energie in Europa entwickelt werden.
- Der Produktion und Nutzung von Wasserstoff wird als Teil eines integrierten Offshore-Energiemarktes eine bedeutende Rolle zugeschrieben. Wasserstoff wird in den Erklärungen als bedeutender Baustein zur Reduzierung der Abhängigkeit von fossilen Energieträgern und Energieimporten betrachtet. Übergeordnetes Ziel ist es, die Energiesicherheit in Europa zu stärken.
- Im Gegensatz zur Offshore-Windenergie enthalten die Erklärungen für den Ausbau von Offshore-Wasserstoff jedoch keine Kennzahlen oder Zielwerte.
- Die Hamburger Erklärung der Staats- und Regierungschefs hebt hervor, dass die ausreichende und erschwingliche Versorgung und Verfügbarkeit von kohlenstoffarmem oder erneuerbarem Wasserstoff (zur Farbenlehre im Wasserstoff) eine wichtige Rolle bei der Entwicklung einer klimaneutralen Zukunft und der Beibehaltung der internationalen industriellen Führungsposition spielen kann.
Integration von Offshore-Wind und Offshore-Wasserstoff
Die gezielte Zusammenarbeit innerhalb der NSEC soll die Entwicklung von Projekten fördern, die Offshore-Wind und Offshore-Wasserstoff verbinden. Der Ausbau einer Wasserstoff-Infrastruktur soll entlang der gesamten Wertschöpfungskette marktorientiert und auf Basis eines pragmatischen Regulierungsrahmens erfolgen. Einbezogen werden sollen Angebot, Nachfrage, bestehende Energieinfrastruktur und CCUS.
Die Energieministererklärung unterstreicht, dass Offshore-Wasserstoffprojekte erhebliche Synergien mit der direkten Nutzung von Offshore-Strom bieten können. Eine spezielle Offshore-Wasserstofftransportinfrastruktur könne den grenzüberschreitenden Wasserstoffhandel zwischen den Nordseeanrainerstaaten ermöglichen. Entscheidend sei, dass diese Projekte kosteneffizient sind und einen Mehrwert für das Energiesystem bieten.
Zur Verwirklichung dieser Potentiale haben die Energieminister verabredet, dass die Koordinierung grenzüberschreitender Energieprojekte verbessert und darüber hinaus die Möglichkeiten zum Aufbau einer Offshore-Wasserstoffwirtschaft von den verschiedenen Akteuren erörtert werden sollen.
- Konkret werden die OTC (Offshore TSO Collaboration) und das HyNOS (Hydrogen Networks for the Northern Seas) dazu aufgerufen, gemeinsam mögliche Schnittstellen zu identifizieren, um eine Grundlage für eine koordinierte Offshore-Netzplanung zu schaffen, die Offshore-Windenergie mit Wasserstofferzeugung und eventuell erforderlichem Energietransport kombiniert.
- Darüber hinaus soll die Zusammenarbeit im Bereich der Forschung und Entwicklung einer Offshore-Wasserstoffproduktion verbessert und das Potential für den Einsatz von Offshore-Wasserstoffsystemen in der gesamten Nordseeregion untersucht werden. Strom- und Wasserstoff-Übertragungsnetzbetreiber sollen die möglichen Potentiale und Synergien im Rahmen der OTC und HyNOS gemeinsam bewerten.
- Nach dem die Energieministererklärung ergänzenden Aktionsplan sollen die am Nordsee-Gipfel teilnehmenden Länder bis Q4 2026 eine langfristige Strategie für die Kombination von Offshore Wind und Offshore Wasserstoff-Projekten erarbeiten.
Joint Offshore Wind Investment Pact
Die Nordsee-Staaten, die europäische Wind-Industrie, die Übertragungsnetzbetreiber und HyNOS haben das Abkommen für Investitionen in Offshore-Windkraft verabschiedet. Mit Blick auf die Möglichkeiten der Offshore-Wasserstoffentwicklung in der Nordseeregion wollen sich die Akteure regelmäßig zu neuen Entwicklungen und Potentialen austauschen. Bei geplanten Projekten wollen sie im Einzelfall untersuchen, ob eine Wasserstoffanbindung der Konverterstation angemessen und kosteneffizient ist, um sich für die Zukunft die Möglichkeit der Anbindung eines H2-Elektrolyseurs offenzuhalten.
Das am Rande des Gipfels zwischen Dänemark und Deutschland geschlossene bilaterale Abkommen zur strategischen Energiepartnerschaft unterstreicht die Bedeutung der regionalen Zusammenarbeit im Bereich einer speziellen grenzüberschreitenden Wasserstoffinfrastruktur, die die dänische Produktion und die deutsche Nachfrage nach erneuerbarem Wasserstoff miteinander verbindet.
- Die Seiten bekräftigen ihre anhaltende Entschlossenheit, die Verwirklichung einer Wasserstoffverbindung zwischen Dänemark und Deutschland als eine der obersten Prioritäten auf der bilateralen Agenda zu unterstützen.
- Eine noch zu bildende Arbeitsgruppe soll die Voraussetzungen grenzüberschreitender Kooperationsprojekte im Bereich Offshore-Windenergie und erneuerbarem Wasserstoff weiter spezifizieren.
Zusammenfassung und Ausblick
Die Ergebnisse des dritten Nordsee-Gipfels zeigen, dass Wasserstoff für die Nordsee-Staaten und die Industrie-Akteure weiterhin eine bedeutende Rolle in der Planung der Energieinfrastruktur darstellt. Auch wenn es noch an konkreten Projekten fehlt und der Umfang der Wasserstoffproduktion und -infrastruktur in der Nordseeregion noch nicht konkret beziffert wird, sind sich die Akteure des Gipfels einig, die Potentiale von Offshore-Wasserstoff weiter zu erforschen und in der Planung des „grünen Nordseekraftwerks“ zu berücksichtigen. Wasserstoff soll dabei nicht isoliert betrachtet werden, sondern als Bestandteil eines gemeinsamen Offshore-Netzes, das Strom- und Wasserstoffinfrastruktur verknüpft.
Über die weiteren Entwicklungen von Offshore-Wasserstoff in der Nordseeregion und mögliche Projekte informieren wir Sie rechtzeitig.
Das EU/COMP-Team von CHATHAM PARTNERS ist auf komplexe Fragestellungen und Verfahren im Zusammenhang mit Wasserstoffprojekten spezialisiert und berät Sie gerne bei deren Planung und Realisierung, insbesondere im Zusammenhang mit Vergabe- und Planungsverfahren sowie Förderungsmöglichkeiten. Dabei arbeiten wir eng mit den anderen Teams der Kanzlei zusammen, insbesondere aus dem Bereich Energie.
Wir danken Dr. Christoph Ludwig und Tobias Himmelsbach für ihre wertvolle Unterstützung bei der Vorbereitung dieses Beitrags.

